9 | Der Anfang vom Ende

In meiner Jugend haben wir das Ende des Kapitalismus vor uns gesehen. Wir dachten, das sei zwangsläufig, weil er mit uns nicht mehr funktionieren würde. Wir fühlten uns als Avantgarde, als Virus, der seinen Wirt dadurch lahm legen würde, das er ihn einfach ignoriert, sich nicht an seinem Stoffwechsel beteiligt, ihm nichts Neues zu führt, sondern von seinen Resten ein ausreichend gutes Leben führen konnte.

Das einzige Ziel dieses wuchernden Organismus schien das Wachstum zu sein. Und wir konnten uns einfach nicht vorstellen, immer genug wollen und immer mehr wollen zu können, um ihm dieses Wachstum zu ermöglichen.

Zwangsläufig ist in diesem System alles, was neu ist schlechter, aber billiger als das Alte, anders lässt sich das Krebsgeschwür Wachstum nicht füttern. Wir aber kauften das Alte auf Flohmärkten und bei Trödlern: Möbel aus richtigem Holz, Mäntel aus richtiger Wolle und Schuhe mit richtigem Stil (und Ledersohle). Unsere Hoffnung schwanden schon mit den nächsten Jahrgängen: sie schienen so viel zielstrebiger oder gradliniger oder angepasster, insgesamt jedenfalls bestens geeignet, um das System am laufen zu halten…

Und tatsächlich, es funktioniert bis heute: inmitten einer kleinen Schar genügsamer Beobachter, deren Steuererklärung kaum Progressionsverluste erwarten lassen, haben wir das System parasitär benutzt – und sind nun mit unserer Abwarterei mitverantwortlich dafür, das sich der Flaschengeist verselbstständigt und die ganze Welt untertan gemacht hat.

Ein Ende ist auch im neuen Jahr nicht abzusehen. Vorerst jedenfalls nicht.

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